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Interessantes / 08. März 2018

Ethnolekt – kreativer Umgang mit Sprache oder Sprachkatastrophe?

„Isch bin grad Bahnhof. Geh gleisch Bibliothek. Isch schwör, Alta.“ So oder so ähnlich hört man Jugendliche häufig miteinander kommunizieren. Wer Hochdeutsch spricht, scheint arrogant, alt und uncool zu sein. Die Wissenschaftler haben viele Namen für das sprachliche Phänomen:

  • Kiezdeutsch,
  • Türkendeutsch,
  • Türkenslang oder sogar
  • Ghetto-Slang.

Ganz gleich, was der Ethnolekt Türkendeutsch nun für den einen oder anderen sein mag, eines ist er mit Sicherheit nicht, nämlich normierter Einheitsbrei. Als kreativer Umgang mit Sprache folgt der Ethnolekt dabei seinen eigenen Regeln.

Was ist ein Ethnolekt?

Als Ethnolekt wird ein Sprechstil bezeichnet, der meist von einer nicht deutschen ethnischen Sprechergruppe gesprochen wird. Türkendeutsch steht dabei für Jugendsprache, Umgangssprache, Fremdwörtereinfluss, Minderheitensprache und Sprecher, die einen Migrationshintergrund haben.

Selbst wenn der letzte Aspekt nicht wirklich zutrifft, da auch viele deutsche Jugendliche ohne Migrationshintergrund aus Gründen des Zugehörigkeitsgefühls den Ethnolekt Türkendeutsch sprechen.

Dabei ist der Ethnolekt nicht abhängig von der Herkunft oder der Muttersprache, sondern vom Wohnort. Denn er kann bereits innerhalb Deutschlands, der Schweiz und Österreichs vollkommen variieren. In Berlin spricht man häufig von Kiezdeutsch, wobei bereits die Sprecher in den einzelnen Stadtgebieten ganz unterschiedliche Wörter verwenden. Was in Wilmersdorf absolut in ist, kann in Kreuzberg bereits out sein. 

Ethnolekt als besonderer Sprechstil

Doch nicht nur die Wortwahl, sondern insbesondere die verkürzte Grammatik zählt zum eindeutigen Sprechstil des Ethnolekts. Begrüßungen, Verabschiedungen, Schimpfwörter, Drohungen und Flirtsprüche – im Ethnolekt schrumpft der Wortschatz zusammen.

Die Sprecher bilden einfache Satzkonstruktionen mit Subjekt, Prädikat und Objekt und binden dabei türkische, arabische oder serbokroatische Lehnwörter ein.

Gleichzeitig werden Präpositionen und Artikel weggelassen.

Charakteristisch ist auch die Stakkato-Intonation und die Koronalisierung des Ich-Lauts (isch, disch, misch). 

Häufig verwendete Formulierungen sind:

  • Isch schwör.
  • Weissu (Weißt Du?)
  • Wallah (ist doch so)
  • Yalla (auf geht's)
  • Mussu (Du musst)

Ethnolekt gleich Jugendsprache?

Der Ethnolekt Türkendeutsch oder Kiezdeutsch ist einfach und zeitsparend, da der Sprecher nicht lange über komplexe Satzstrukturen nachdenken muss. Jedoch ist Ethnolekt meistens Jugendsprache, die auch aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und zur Abgrenzung von höher gestellten Schichten und Autoritäten gesprochen wird. Der Ethnolekt ist dabei ein Teil der eigenen Persönlichkeit und des eigenen Stils der Jugendlichen, sowie ein Raum, in dem Autoritäten keinen Platz haben.

Es scheint für manche die Verkörperung der Identität des selbstbewussten Migrantenjugendlichen oder Rappers, der einen coolen Style hat und sich nichts von Autoritäten sagen lässt. Schüler und Jugendliche ohne Migrationshintergrund sprechen meist Ethnolekt, wenn es um ihr Prestige in einer Gruppe geht oder damit sie nicht als Außenseiter innerhalb einer Klasse gelten.

Doch wer meint, dass diese Jugendlichen kein einwandfreies Hochdeutsch sprechen können, der irrt sich. Meist wechseln sie problemlos den Sprachmodus, je nachdem, mit wem sie gerade sprechen. Demzufolge handelt es sich beim Ethnolekt Türkendeutsch oder Kiezdeutsch nicht um eine Lernersprache oder Pidgin-Form, sondern Türkenslang wird selektiv und situationsspezifisch von den Sprechern angewendet. 

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