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Plautdietsch, Russland, Sprachinseln, Russlandmennoniten
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Interessantes / 23. März 2023

Sprachinseln: Plautdietsch der Russlandmennoniten

Ons Voda em Himmel!
Dien Nome saul heilich jehoole woare.
Lot dien Ritj kome;
lot dien Welle opp Ieed jrod soo

jedone woare aus em Himmel.

Mit Sicherheit kennen Sie die folgenden Zeilen, aber möglicherweise nicht in Plautdietsch, die Sprache der Russlandmennoniten. Im folgenden Artikel entdecken wir wieder eine weitere Sprachinsel. Kennen Sie weitere Sprachbespiele in Plautdietsch? Dann hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

 

Als Russlandmennoniten werden die Nachkommen der deutschsprachigen Mennoniten, die seit Ende des 18. Jahrhunderts aus Teilen des Russischen Reiches auswanderten und sich später in anderen Teilen des Reiches sowie nach mehreren Migrationswellen ab 1874 in Kanada und den USA, sowie in Süd- und Mittelamerika niederließen. Sehr konservative Russlandmennoniten haben bis heute ihren Lebensstil bewahrt, der dem der Amischen ähnelt. Daher haben sie auch die deutsche Sprache (Plautdietsch) und Traditionen bewahrt; sie lehnen bestimmte Techniken ab, von denen sie glauben, dass sie ihre Gemeinschaft zerstören können. In den 70er Jahren kamen einige Russlandmennoniten in die Bundesrepublik Deutschland. Von den 2,2 Millionen russlanddeutschen Aussiedlern, die heute in Deutschland leben, haben rund 200.000 einen plautdietschen bzw. russlandmennonitischen Hintergrund.

 

Wo leben Russlandmennoniten heute?

Außer in Deutschland leben Russlandmennoniten heute vor allem auf dem amerikanischen Kontinent; in Russland sind sehr wenige geblieben. Die Länder mit den meisten Russlandmennoniten sind

  • Deutschland (200.000),
  • Mexiko (100.000),
  • Bolivien (70.000),
  • Paraguay (50.000),
  • Belize (10.000),
  • Argentinien (4000),
  • Kolumbien (über 1000) und
  • Peru (über 1000).

 

Plautdietsch – die Sprache der Russlandmennoniten

Plautdietsch heißt die Sprache der Russlandmennoniten; im nordamerikanischen Sprachraum auch Mennonite Low German (Mennonitenniederdeutsch) genannt. Es handelt sich dabei um eine westpreußische Varietät des Niederdeutschen, welche sich im 16. Und 17. Jahrhundert im Weichseldelta entwickelt hat. Die Sprache ist eine Verschmelzung von verschiedenen Spracheinflüssen des Niederländischen und Friesischen und verschiedenen niederpreußischen Dialekten. Heute gibt es weltweit noch 500.000 Sprecher. Für Plautdietsche ist Mehrsprachigkeit selbstverständlich, doch in Lateinamerika gibt es rund 100.000 einsprachige Plautdietsch-Sprecher.

 

Die größten Zentren der Sprachinsel befinden sich in:

  • Mittel- und Südamerika: Paraguay, Bolivien, Brasilien, Argentinien, Belize, Uruguay
  • Europa: Deutschland, Russland, Polen (früher), Ukraine (früher)
  • Nordamerika: Kanada, USA, Mexiko
  • Asien: Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Georgien (früher)

 

In Deutschland findet man die meisten Plautdietsche in:

  • Ostwestfale-Lippe sowie um
  • Frankenthal, Neuwied, Gummersbach, Alheim oder 
  • Köln/Bonn 

 

Sprachbeispiele für Plautdietsch

„Ons Voda em Himmel!
Dien Nome saul heilich jehoole woare.
Lot dien Ritj kome;
lot dien Welle opp Ieed jrod soo
jedone woare aus em Himmel.
Jeff ons daut Broot, daut wie vondoag brucke.
Vejeff ons onse Schult,
soo aus wie dee vejewe, dee sich aun ons veschuljcht habe.
Brinj ons nich en Vesieetjunk,
oba bewoa ons von dem Beese.
Wiels die jehiet daut Ritj
en dee Krauft en dee Harlichtjeit
opp emma en emma.
Amen.“

 

Interessante Links & weiterführende Quellen

Russlandmennonitische Autoren

  • Arnold Dyck („Oppe Forstei“, „De Fria“, „Twee Breew“ etc.)
  • Reuben Epp („Dit un Jant opp Plautdietsch“ etc.)
  • Lena Klassen („Himmel Hölle Welt“ etc.)
  • Armin Wiebe („The Salvation of Yasch Siemens“ etc.)
  • Rudy Wiebe („Wie Pappeln im Wind“, „Sweeter Than All the World“, „Of This Earth“ etc.)
  • Viktor Fast („Wasserströme in der Einöde“, „Voruebergehende Heimat. 150 Jahre beten und arbeiten in Alt-Samara“)
  • Margaret Epp („Die verschlossene Quelle“, „Chariots In The Smoke“, „Die Erde ist rund“, zahlreiche Kinderbücher etc.)
  • Franz Bartsch („Unser Auszug nach Mittelasien“)
  • Johannes Reimer („Flucht über den Strom des schwarzen Drachen“)

Literatur

  • Abraham Dück: Das Leben ist mehr als übers Feld zu gehen. 
  • Cornelius J. Dyck: An Introduction to Mennonite History. Herald Press, 1993.
  • George K. Epp: Geschichte der Mennoniten in Russland. Band I - III, Logos-Verlag, 1997.
  • Horst Gerlach: Die Russlandmennoniten. Ein Volk unterwegs. Selbstverlag, 2002.
  • Wally Kroeker: An Introduction to the Russian Mennonites. Good Books, 2005.
  • Ulla Lachauer: Ritas Leute: Eine deutsch-russische Familiengeschichte. 5. Auflage. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2003.
  • Tim Tichatzki: Roter Herbst in Chortitza. Brunnen Verlag, 2018.
  • Aron A. Toews: Mennonite Martyrs: People Who Suffered for Their Faith 1920–1940. Kindred Press, 1990.

 

Alle Artikel über Sprachinseln in unserem Blog

 

Besuchen Sie unseren Blog auch nächste Woche, wenn wir über „Launa-Deutsch in Chile“ sprechen werden.

 

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